Seit dem 15. Jh. befindet sich an diesem Ort eine Pfarrkirche. 1689 wurde sie als barocke, schlichte Hallenkirche mit dreistöckigen Emporen neu erbaut. Die Ranfft-Orgel stammt von 1757. Besonderheiten sind der barocke Altar und der daneben stehende gotische Flügelaltar aus der Vorgängerkirche von ca. 1530. Über dem Taufstein befinden sich die „Wetterengel“. Im Sommerhalbjahr ist die Kirche in der Regel tagsüber geöffnet.
Aus dem Kleinen Kunstführer
Kurzinformation aus dem Kleinen Kunstführer „Ev.-luth. Stadtkirche Geising“
erschienen im Verlag Schnell & Steiner
Das im Osterzgebirge nördlich der Grenze zu Böhmen (heute Tschechische Republik) gelegene Geising wurde maßgeblich durch den Zinnbergbau geprägt, der im 14. Jh. nach Erzfunden aufblühte. Nach Gründung der beiden Städte Alt- und Neugeising wurde zu Beginn des 16. Jh. eine eigene Kirchgemeinde gegründet. Nach Einführung der Reformation war Geising ein „Hort des Luthertums“. Die Stadtkirche versorgte auch die Lutheraner jenseits der Grenze. Dort, auf böhmischer Seite, wurde jedoch zwischen 1628 und 1728 die Gegenreformation durchgesetzt, was dazu führte, dass zahlreiche Glaubensflüchtlinge das Nachbarland verließen und nach Geising kamen. Daran erinnern noch heute Teile der Kirchenausstattung.
Der Zustrom der Glaubensflüchtlinge aus Böhmen machte im 17. Jh. einen Neubau erforderlich, den Rudolph von Bünau (1657–1702) auf Lauenstein in Teilen finanzierte. Der Neubau wurde 1689 bis 1691 errichtet, die Turmhaube 1694 vollendet. Dabei folgte man der Bautradition der spätgotischen Hallenkirchen Sachsens. Mit Strebepfeilern und Maßwerkfenstern wurde ein gotisches Grundmuster aufgegriffen. Eine Einwölbung war aber wohl nie geplant. Das Innere ist hingegen von barocker Formgebung geprägt. Emporen fassen den mit einer flachen Decke versehenen Saal ein und vermitteln zwischen den beiden wichtigsten barocken Ausstattungsstücken, dem Altar und der Orgel. Der um 1690 aus Holz geschnitzte Altar baut sich über fünf Etagen auf. Die Predella zeigt das Abendmahl, das Mittelbild in der durch gedrehte Säulen hervorgehobenen Hauptetage die Kreuzigung Christi mit Maria und Johannes. Es folgen zwei kleinere Etagen mit der Auferstehung Christi und dem Auferstandenen auf dem Weg nach Emmaus.
Die zweimanualige Orgel mit 22 Registern und 1.277 klingenden Pfeifen wurde von Johann Daniel Ranft (1727–1804) erschaffen und am ersten Advent 1757 eingeweiht. Sie verkörpert das größte erhaltene Instrument der Hähnel’schen Orgelbauschule. Äußerlich erinnert die Orgel aufgrund ihrer kleinteiligen plastischen Gliederung, den geschwungenen Gehäuseflächen und der Auflösung von Stützen und Gebälk in Voluten an ein höfisches Möbelstück des Rokoko. Die Manuale haben einen Tonumfang von C, D–e3 und das Pedal von C, D–d1. Gestimmt ist die Orgel modifiziert im tiefen Kammerton (a1 = 415 Hz bei 15 °C). Der Winddruck liegt mit 82 mmWS im mittleren Bereich.
Das Instrument entfaltet eine wunderbare, ganz eigene Klangpracht. Es bietet einen schönen barocken, strahlenden und majestätischen Klang im Plenum, besitzt hervorragend klingende Einzelregister und ein reiches farbiges 8'-Ensemble an Grundstimmen. Es finden sich deutliche Einflüsse der böhmischen Orgelbautradition. In der Gesamtheit betrachtet ist die Orgel etwas milder, weicher und nicht so kräftig intoniert als ein vergleichbares Werk Gottfried Silbermanns.
Von 2009 bis 2013 führte der Orgelbau Eule aus Bautzen eine Restaurierung durch.
Die Geisinger Ranft-Orgel zeichnet sich besonders durch viele unterschiedliche Klangfarben sowie ihre handwerklich hervorragende, robuste Bauweise aus und belegt, dass es in Sachsen in der Mitte des 18. Jh. neben Silbermann individuelle, nicht minder überzeugende Orgelbaustilrichtungen gab.
Text: Dr. Matthias Donath und Roy Heyne
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